HEY LIEBER RAINER

Danke fuer deine tollen Bilder.
Also auch du machst weiter u dein Weg verfeinert sich u wird extremer, mutiger, absurder u ist sehr zeitgenössisch, gesellschaftskritisch.

Die Arbeiten tragen eine Reife u eine Melancholie die sich widerspiegelt in unserer jetzigen Generation u  doch tragen die Arbeiten einen fast unbeschwerten Humor. (Das findet sich ja auch sehr wider in der heutigen „jungen„ Generation. Meine Erfahrung als „Professorin“ hat mich aber auch immer wieder belehrt u gezeigt dass die jungen Leute, wie man so schön sagt, ganz schön reflektiert sind. Sie stellen sich ganz anderen Fragen über gender / identity politics usw.).
Vielleicht ist das auch sehr Hfbk Hamburg... auf jeden Fall gefallen mir deine überarbeiteten Malereien sehr. Die Farbräume in den Bildern werden ganz psychologisch u innerlich  und darauf prallen diese, sagen wir, „harschen“ unglimpflichen Situationen.

Kerstin Brätsch
26. Februar 2018

GÖREN OHNE PERLOHRING

Ach Herrje, was soll das denn? Diese ganzen halbstarken Mädchen, lauter kleine Lolitas, muss das denn sein? So ähnlich klagen die spontanen Reaktionen einiger älterer Besucherinnen bei der letzten Vernissage, die ich mit Ralf-Rainer Odenwald erlebt habe. Das war – zugegebenermaßen – bei uns in der Provinz. Kann also hier in der Großstadt nicht passieren. Oder doch? Tatsache ist, dass die Bilder von Ralf-Rainer Odenwald in ihrer Direktheit auf viele erst einmal verstörend wirken. Und nichts freut natürlich den Künstler mehr. Schließlich heißt es schon bei Plato, „Mit dem Staunen beginnt die Philosophie.“ Und ins Staunen kommen Sie spätestens dann, wenn ich Ihnen erzähle, dass die Inspirationsquellen für die Bilder zu gleichen Teilen das Internet und der niederländische Maler Vermeer sind.

 

Was haben Jan Vermeer van Delft und sein berühmtes „Mädchen mit dem Perlenohrring“ mit der aktuellen Blogger-Szene im Internet zu tun? Eine ganze Menge, jedenfalls wenn man Ralf-Rainer Odenwald fragt. In der Mitte des 17. Jahrhunderts malte Jan Vermeer van Delft einige junge Frauen, die züchtig, in sich gekehrt, anmutig, aber auch durchaus elegant, dem Zeitgeschmack entsprechend, eine Aura des Geheimnisvollen  ausstrahlten. Und dabei sind sie hingebungsvoll, bescheiden und halten Distanz zum Betrachter. Und gerade diese Distanz macht sie für viele so faszinierend. So auch für Ralf-Rainer Odenwald. „Diese Bilder sind mir seit langer Zeit ein überragendes Sinnbild nichtreligiöser Innigkeit, es ist in ihnen eine Schlichtheit und Konzentration ganz auf das Wesen der Person zugespitzt,“ sagt er. Für ihn ist Vermeer nicht nur der bedeutendste Maler seiner Zeit, sondern auch der erste moderne säkulare Künstler Europas. Und zugleich der erste Maler, für den die psychologische Sicht auf seine Modelle eine Rolle spielte. Vermeers junge Frauen sind weniger Individuen, als Beispiele für den neuen Menschen, das Individuum in seiner speziellen Befindlichkeit.

 

Für Ralf-Rainer Odenwald sind diese jungen Frauen zeitlos.  Ihre Konzentration auf ihr Tun, ihr ausschließlicher Bezug auf sich selbst hebt sie aus dem Kontinuum der Zeit. Sie stehen nur für sich, für ihre eigene Persönlichkeit.  Oder vielleicht doch nicht? Als Jan Vermeer in der Mitte des 17. Jahrhunderts seine junge Mädchen malte, die oftmals scheinbar selbstvergessen und in sich versunken einfach nur da saßen, löste er einen Skandal aus: Waren diese Bilder junger Frauen vielleicht gar nicht so harmlos, wie sie schienen? Immerhin waren sie nicht mehr, wie damals üblich, kostümiert als biblische oder allegorische Gestalten. Das war damals ein deutlicher Bruch mit den Sehgewohnheiten des Publikums, ja fast schon ein gemalter Affront, den die gebildeten Betrachter der Bilder hatten gelernt, dass sich hinter der Fassade immer eine Geschichte, eine moralische Botschaft verbarg. Darauf waren die Maler der Niederlande spezialisiert, ihre Bilder waren gemalte Rätsel, deren Lösung den Betrachtern einiges abverlangte, aber dadurch zugleich auf als Unterhaltung diente. Ähnlich wie heutige Denksportaufgaben. Steckte also nicht vielleicht doch viel mehr dahinter, als es den Anschein hatte? War die Alte im Hintergrund vielleicht eine Kupplerin und die junge Unschuld am Ende schon längst keine mehr? Und wie kam wohl ein junges Dienstmädchen an solch einen kostbaren Perlenohrring? War sie am Ende gar die Geliebte des Hausherren? Oder gar des Malers?

 

Selbst Jahrhunderte später ist dieses Thema noch aktuell, erst vor wenigen Jahren ist darüber ein Roman geschrieben und ein Spielfilm produziert worden, der die passende Geschichte zu dem Bild nachliefert, es dadurch aber zugleich all seiner Rätsel beraubt. Und damit genau das macht, was Kunst nie gut tut: Alles erklären, deuten und überinterpretieren.

 

Gute Kunst ist nie eindeutig, lässt immer Fragen offen, bietet Interpretationsspielraum. Das gilt mit Sicherheit für die Bilder von Vermeer – und auch für die von Ralf-Rainer Odenwald. Die Uneindeutigkeit beginnt bei beiden bereits mit dem Motiv. Junge Mädchen an der Schwelle zum Frau-Sein. Ein ewiges Faszinosum, zumal wenn sie nicht dem traditionellen Bild entsprechen. Und das tun sie immer weniger.

 

Und genau hier findet sich der Anknüpfungspunkt zu den „Gören“ in den Bilden von Ralf-Rainer Odenwald. Er hat die rätselhaften jungen Frauen von damals in unserer Zeit wiedergefunden: im Internet. Die internationale Blogger-Szene bietet eine neue Plattform, auf der sich Teenager weltweit selbst in Szene setzen können. Traditionelle Rollenbilder existieren nicht mehr, die Inszenierung ist individuell, oft genug provozierend, aber immer selbst gemacht und gewollt. Und die ganze Welt schaut zu. Erwartungsgemäß wird dabei viel Langweiliges ins Netz gestellt, nicht jeder ist eben ein begnadeter Selbstdarsteller. Jungs übrigens versagen in dieser Disziplin fast durch die Bank: Pose cool, Blick provokant, Grinsen frech, also eigentlich nur stinknormale Teenager.

 

Anders die Mädchen von heute. Sie spielen mit Klischees, probieren Neues aus, sind kreativ. Und wohl deshalb tummeln sich in der Internet Blogger-Szene zu 90 Prozent weibliche Teenager. Dabei reicht die Selbstinszenierung von einem Extrem zum anderen: Da ist die Schüchterne, die den Blick abwendet, das Gesicht verborgen, den Blick nach innen gerichtet,  keinen Kontakt zum Betrachter suchend: wie bei Vermeer. Da ist aber auch die exhibitionistische Selbstdarstellung im Internet, für die Scham „nicht mehr trägt“. Entblößung, Provokation, aber auch das Zeigen eigener Verletzlichkeit sind Selbstverständlichkeiten.  Dabei haben die jungen Frauen nicht das Gefühl, sich selbst zu entblößen. Für die meisten ist es vielmehr ein Spiel mit Verführung, mit Reizen.

 

Und wie wird daraus Kunst? Dadurch, dass sich ein Künstler des Themas annimmt.  Ralf-Rainer Odenwald, 1950 geboren in Pforzheim, studierte unter anderem an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Joseph Beuys und Gotthard Graupner waren seine Lehrer. Seine Werke waren bereits in Hamburg und Berlin, aber auch in Vancouver und Sydney ausgestellt. Ralf-Rainer Odenwald lebt heute in Schafstedt (Kreis Dithmarschen). Sein Medium ist die Malerei, wobei er eine eigene Technik entwickelt hat: Er sucht sich seine Motive im Internet, speichert sie und druckt sie aus, schwarz-weiß und extrem vergrößert. Diese Ausdrucke klebt er auf Leinwände und fängt an zu malen. Farben, Hintergründe, Schärfe und Unschärfe werden zugefügt oder weggelassen, Motive kombiniert, ein Bild entsteht. In frühen Beispielen fand  Odenwald den Anlass für seine Bildideen noch in Klatschblättern und Illustrierten. Doch erst das Internet machte ihm einen schier unendlichen Vorrat an Fotos zugänglich, welche in ihrer öffentlichen Privatheit die Paparazzifotos der bunten Blätter weit übertreffen. So begann er etwa 2010 die Serie „Gören“, die bis heute nicht abgeschlossen ist.

 

Was wollen uns diese jungen Frauen sagen? Warum inszenieren sie sich so und nicht anders? Was soll die „Show“ als laszives Luder? Für wen posieren sie? Für alle? Für den (Ex)Freund? Viele Bilder changieren zwischen Verführung und Spießigkeit.  Alle regen unsere Fantasie an. Warum etwa geht das Mädchen im kurzen Röckchen alleine in den Wald, tänzelnd und kokett? Und wofür braucht sie das Feuerzeug, das sie in der Hand hält?  Assoziationen drängen sich auf:  Gretel geht allein in den Wald. Wo ist ihr Hänsel? Soll die Hexe brennen oder der ganze Wald? Ist sie das Mädchen mit den Schwefelhölzern? Eine Bedrohung? Oder das Großformat „My Girl“: Ein fieser Glatzkopf bedroht den Betrachter mit der Faust, daneben steht sein Mädchen, „My Girl“, mit Heiligenschein und durchsichtiger Bluse. Heilige oder Hure? Zuhälter, Freund oder Beschützer? Das Bild gibt Fragen auf, aber keine Antwort. Und so geht es einem mit den meisten Bildern. Viele sind unklar, mehrdeutig. Im Dunkeln geblitzt, überbelichtet, in ihrer Künstlichkeit durch die Malerei zusätzlich überhöht. Ein weißes Kleid in der Gosse. Die Turnerin im Handstand, die Welt auf den Kopf gestellt. Ein schwankendes Gleichgewicht auf der Mauer, kurz vor dem Absturz. Hintergründig – gefährlich – rätselhaft. Und gerade deswegen so faszinierend.

 

Der Begriff GÖREN, sagt Ralf-Rainer Odenwald,  meint etwa Jugendliche, die in ihrer Selbstfindung unfertig,  in ihrer Anmutung frech, frei und in sich wild, oder einseitig fordernd-behauptend, dabei auch etwas verloren wirken können, dies verachtend und als Attitüde zugleich genießend. „Gören sind lax, unbescheiden, lasziv, übertrieben, oder verschlossen und wütend zugleich. Sie zeigen sich erstmals auf der Lebensbühne als die ‚Nicht unschuldigen Kinder‘, sie treten aus sich hervor um zu demonstrieren, als jene, die man nicht kennt, die nicht zu uns  gehören,  nur zu Ihresgleichen,“ so der Maler.

 

Und da ist sie wieder, die Analogie zu den Vermeer´schen Bildern. Gesucht und gefunden an einer Stelle, wo sie sonst keiner vermutet hätte:  im Internet , im Selbst-vergewisserungsprogramm der zahllosen Blogger aus aller Welt. Wo die meisten angesichts des Massenkonsums in Gleichgültigkeit verfallen, dort hat Ralf-Rainer Odenwald sein großes Thema gefunden: die jungen Menschen, die sich in ihrer melancholischen Unergründlichkeit immer neu finden und erfinden. Thematisiert in seiner vielschichtigen Malerei, auch um dem großen Meister aus Delft Referenz zu erweisen.

 

Das sind Ralf-Rainer Odenwalds „Gören“. Bilder, die einen nicht mehr loslassen. Zumindest ging es mir so, als ich sie vor zwei Jahren zum ersten Mal gesehen habe. Und dazu sind sie von einer Qualität, die ihresgleichen sucht. Und so habe ich damals spontan drei von der Wand weg gekauft für mein Museum, wo sie sich seitdem übrigens bestens neben Werken von Gerhard Richter und Arnulf Rainer behaupten.

 

Wenn es Ihnen genauso geht und sie die eine oder andere „Göre“ in ihren Bann zieht, kann ich Ihnen nur empfehlen: Lassen sie es zu, lassen sie sich verführen, sie werden es nicht bereuen. Und nutzen Sie die Chance, wenn Sie wollen, können Sie heute sogar eine der Gören mit nach Hause nehmen.

 

Michael Fuhr, 2013